3. Thementag 04/16

„Arbeit mit Märchen und Trauma“

Am Donnerstag, den 28. April 2016 fand von 9.00 bis 18.00 Uhr der 3. Thementag der DGfS-Regionalgruppe Bayern-Süd mit den Referentinnen Hildegard Wiedemann und Rica Rechberg, in den Räumen des Klangheilzentrum, Ötztaler Str. 1b in München, statt.

Nach einer kurzen Begrüßung der Teilnehmer sowie der Bekanntgabe der organisatorischen Details, übernahm Hildegard Wiedemann die Gestaltung des vormittags.
Hildegard schilderte,wie sie zu der Initiatischen Arbeit mit Märchen gefunden hat. Zu diesem Thema hat sie auch ein Buch veröffentlicht.

Zu den unterschiedlichen Betrachtungs- und Vorgehensweisen, die Hildegard und ihre Arbeit im Wesentlichen geprägt haben, gehören die systemische Arbeit Bert Hellingers, die Schattenarbeit C.G.Jungs und die Weiterbildung bei Graf Dürkheim über die Initiatische Arbeit. Sie bezog auch Ansätze und Wirkweisen von Verhaltenstherapie, Familienstellen, Chanten u.a. mit ein. Dies unter dem Aspekt bzw. Blick auf Innenwelt, Ganz-werden und Ganzheit eines Systems, einer Familie, dem Einzelnen.

Dürckheim schaut auf den Wesenskern – so, wie ich gemeint bin – ist der Weg nach innen, zum schöpferischen Urgrund, um uns hier zu spüren, zu lauschen, sich gewahr sein. Von diesem inneren Zentrum wieder nach außen zu gehen, eröffnet die Möglichkeit, jetzt eigene Potentiale hervorzuholen. Die im Schatten verborgenen Kräfte sind meist sehr stark. Dabei geht es darum, diese verborgenen Kräfte zu spüren. Oftmals liegen hier Verdrängung und Traumatas.

Märchen bewegen innere Bilder auf eine freie und leichte Weise und wir gehen über Märchen in den inneren Raum. Bilder sind wichtig, ebenso Gebärden. Auch innere Anteile werden durch Märchen gespiegelt. Märchen beginnen meist mit einer Not, entdeckt innere Kräfte, wie die Prüfung im Märchen, z.B. Rotkäppchen – die rote Kappe ist Schutz um in den Wald zu gehen. Auf dem Prozessweg, dem Weg ins Innere, gibt es Gefahren und auch Potentiale.

Hildegard´s Lieblingsmärchen sind die Volksmärchen oder russische Märchen. Bevor wir in die praktische Arbeit übergehen, tanzen wir einen russischen Tanz, der im Kreis beginnt und in dem sich alle bei den Händen hielten. Nach einer Weile öffnete sich der Kreis, indem Hildegard „ausscherte“ und sich eine „Schlange“ bildete, in deren Verlauf sich die 50 TeilnehmerInnen auf eine lockere Weise begegnen konnten.

Bevor uns Hildegard das russische Märchen „Wasilisa“ vorzulesen begann, bekamen wir noch einige Orientierungshilfen wie, Wie sieht sie aus? Wie fühlt sie sich? Welchen Ton hast du dazu? Gibt es evtl. ein Wort? Also, der Weg in die Innenwelt der inneren Bilder und Empfindungen. Das Märchen wurde mehrmals unterbrochen um reflektieren zu können. Nach einem Teil des Märchens, sind die Teilnehmer eingeladen dazu ein Bild über Wasilisa zu malen – das ist die Puppe, die dir deine Mutter auf den Weg mitgibt. Die Bilder wurden in die Mitte gelegt. So dass jeder jedes Bild betrachten konnte. Danach stellten sich die Teilnehmer auf ihr Bild um zu spüren. „Was ist das Stärkste in deinem Bild? Was bedeutet es für dich? Gibt es einen Titel zu deinem Bild? Der Titel hilft, oftmals einen Bezug zu sich selbst zu finden.

Die Möglichkeit ein Märchen aufzustellen, verdeutlichte eine Aufstellung zu folgendem Thema und Stellvertretern: Der König – sein Gefolge – der Prinz - das Volk -männl. & weibl. - die Geliebte des Prinzen aus dem Volk – ihr Vater – die Ahnen (auf 3 Stühlen). Es ergab sich eine intensive, ernsthafte bisweilen auch heitere Aufstellung. Zum Ende hin gesellten sich alle um den König herum – Ausnahme die Ahnen, sie blieben auf den Stühlen stehen.

Nach der Mittagspause übernahm Rica Rechberg zum Thema Trauma die Gestaltung des nachmittags. Zu Beginn schilderte Rica, dass sie Nathan Durst ein Jude aus Berlin und Psychotherapeut sehr beeindruckt habe. Nathan Durst lebt in Israel und ist für die Amscha-Organisation tätig – sehen 4.000 Überlebende des Holocaust die Woche. Seine Erfahrung ist, dass man mit Trauma überleben kann und er sagte: „Der Zugang zu meiner Sprache und Kreativität hat meine Lebendigkeit wieder hervor geholt.“

Rica hat eine Methode entwickelt zum kreativen Umgang mit der inneren Selbstfamilie – die Babuschka-Methode. Die Babuschkas sind sechs Puppen die, weil immer kleiner werdend, in einander stehen und zunächst nur die äußere Puppe sichtbar ist. Jede dieser Puppen repräsentiert ein Mitglied der eigenen inneren Familie und steht für einen jeweils anderen Seinszustand.

Für Ricas Verständnis von Trauma ist es nicht entscheidend, ob das ursächliche Ereignis für die Person tatsächlich ein Trauma war. Vielmehr kommt es darauf an, wie ohnmächtig die Person einem subjektiv überwältigenden Ereignis ausgeliefert war und welche Bedeutung das Kind/Erwachsener dem Geschehen gegeben hat. Von Trauma spricht man, wenn ein als lebensbedrohlich empfundenes Ereignis zu schnell, zu heftig und plötzlich die normalen Bewältigungsstrategien außer kraft setzt und die Selbstregulation nicht wieder vollständig in Gang kommt (s. Peter Levine).

Zu den archetypischen Babuschka-Mitgliedern einer traumatisierten Selbstfamilie gehören: Die Persona als äußere Puppe, ist die der Außenwelt dargestellte Seite, das dargebotene Erscheinungsbild, ist sowohl eine Maske (C.G.Jung) als auch die Fähigkeit, sich anderen Ich-Zuständen und äußeren Umständen reibungslos anzupassen.

Die nächst kleinere Puppe ist das Höhere Selbst, repräsentiert eine wichtige Ressource. Es beinhaltet den Seins-Zustand, den die weise Frau, der weise Mann, die idealen Eltern, den Schutzengel und andere innere Helfer repräsentiert.

Die dritte Puppe repräsentiert die Manager, die Ich-Zustände, die all die Reaktions- und Erklärungsmuster bündeln, die dem Opfer damals zur Verfügung standen, um ein Weiterleben nach dem Trauma zu ermöglichen.

Die nächst kleinere, die vierte Puppe verkörpert die Verbannten. Hier werden oftmals Ich-Zustände des Opfers abgespeichert, die verbunden sind mit Gefühlen von Ohnmacht, Wehr und Hilflosigkeit, Schmerz, Entsetzen und Todesangst. Da diese Anteile häufig abgespalten in der Verbannung leben, können sie nur durch physische oder psychische Symptome auf sich aufmerksam machen.

Die fünfte Puppe ist der Schöpferische. Sie ist verbunden mit der menschlichen Schöpferkraft und bündelt alle Verhaltensmuster, die z.B. dem ehemals gut ressourcierten Kind zur Verfügung standen.

Die kleinste Babuschka – die sechste – vertritt den inneren Wesenskern. Es ist der Anteil, der alles beseelt – die unzerstörbare Würde des Menschen. Dieser tiefste innere Kern beinhaltet die „göttliche Energie“, die unser Sein begründet und uns mit allem verbindet, was schon vorher war.

Nach den Einblicken in die Zusammenhänge der Babuschka-Methode, bot Rica an, anhand eines Anliegens, die Arbeit mit der inneren Selbstfamilie in der Praxis anzuwenden.
Nach dieser ausführlichen praktischen Arbeit bot Rica eine lang andauernde Meditation an, mit dem Hintergrund des Erfahrenen zum Thema: Orchesterimagination.

Mit der Meditation ging ein an Erfahrungen und Einsichten voller und reicher Thementag zu Ende.
Ein Danke an die Referentinnen und die zahlreichen Teilnehmer und Teilnehmerinnen.
Herzlichen Dank auch an Doris Hirschfeld für ihre Mitschrift, die wieder eine wertvolle Hilfe war.

Neufinsing, den 19. Mai 2016

Mit nachfolgendem Link können Sie diesen Bericht auch im pdf-Format downloaden:
3. Thementag 04/ 2016 - Arbeit mit Märchen und Trauma