Regionalgruppen-Treffen 11/11

      

Liebe auf dem Prüfstand

Am 16.11.2011 fand von 9-21 Uhr der diesjährige Regionaltag der DGfS-Regionalgruppe Bayern Süd statt.
Geladen waren Referenten aus Philosophie, Psychologie und der Systemischen Aufstellungsarbeit. Lisa Böhm, die derzeitige Regionalsprecherin moderierte den Tag. Nach einer Einstimmung zum Thema lud sie die Teilnehmer ein, zunächst ihre eigenen Fragen zum Thema Liebe zu sammeln, auf die sie ganz spontan oder für die Zukunft eine Antwort suchen oder schon immer gesucht haben.

Der erste Referent war Professor Dr. Wilhelm Schmid mit seinem Vortrag: "Die Liebe neu erfinden". Der Titel verwies auf eine intellektuelle Auseinandersetzung, aber in seinem Vortrag war der Lebenskunstphilosoph, wie er sich selbst nennt, sehr lebensbezogen und in seiner bilderreichen Sprache sinnlich und praktisch ausgerichtet. Unter anderem muss die Liebe seiner Meinung nach atmen, um sich über den Alltag retten zu können und sie hat verschiedenfarbige Stunden. Damit leuchtete er in den Farben des Regenbogens, wie ein Teilnehmer treffend bemerkte, die Variationen der Liebe aus. Vieles klang plausibel und einfach und gleichzeitig war erkennbar, dass diese Einfachheit aus einem langen und tiefen Durchdringen des Themas stammt. Es war sozusagen Philosophie konzentriert auf eine praktikable Alltagsebene. In der anschließenden Runde konnten noch weitere Fragen beantwortet werden. Die Essenz seiner Gedanken ist auch in seinem neuen Büchlein: " Liebe – warum sie so schwierig ist und wie sie trotzdem gelingt" nachzulesen.

Barbara Gollwitzer, Psychologin und jungianische und freudianische Analytikerin war die nächste Referentin mit ihrem Vortrag: "Die Wandlungen der Liebe". Sie wählte aus der Fülle der analytischen Betrachtungsweise zwei Schwerpunkte: Den Individuationsprozess und die Ebene von animus und anima.
Den Individuationsprozess hat jeder Einzelne zu gehen. Kommt ein Paar zusammen, geht es um die eigenen Individuationsschritte und wie sich diese mit denen des Partners verweben können. Als Reflexion von Liebe und Beziehung stellte sie das Konzept von anima und animus dar und wie  die männliche und weibliche Energie in jedem Einzelnen vorhanden und in der Begegnung miteinander verbunden sind. Eine interessante Übung war, sich zuerst den Idealpartner vorzustellen und später daneben den realen Partner und sich mit der Frage zu beschäftigen: "Was finden Sie von dem wunderbaren Partner in Ihrem realen Partner wieder?" Durch die Projektionen erkennt man den realen Partner oft nicht. Ergänzt hat die Referentin ihren Vortrag mit Zitaten aus der Literatur und mit Gedichten. Insgesamt wurde bei ihrem Vortrag deutlich, wie sehr sich die Blickrichtungen der Psychoanalyse und der systemischen Arbeit tangieren, überschneiden, nebeneinander bestehen und ergänzen können.   

Nach der Mittagspause setzte Wilfried De Philipp den Kreis der Referenten mit seinem Workshop: "Über Liebesgewalten und andere Unwetter" fort.
Schwerpunkt seiner Betrachtung war das Thema Gewalt in der Liebe, nach wie vor ein Tabuthema in der Gesellschaft. Er näherte sich dem Thema mit dem Wortspiel gewaltige Liebe, liebevolle Gewalt und leitete das Wort Gewalt von "walten" = regieren, herrschen, in den Griff bekommen, verwalten, etwas in Ordnung bringen, ab.
Über die Erzählung von persönlichen Erfahrungen in der Kombination von Liebe und Gewalt bei Eltern und Kindern, in der Freundschaft und in der Beziehung von Mann und Frau führte er weiter in das Thema hinein. Die  Beispiele an der Schnittstelle zwischen Gewalt und Liebe machten deutlich, wie sehr die Deutung vom Standpunkt des Betrachters abhängig ist. Das Beispiel von Männern, die in den Krieg ziehen und Gewalt ausüben und gleichzeitig in Fürsorge und Liebe für die eigene Familie sind, machte dies besonders anschaulich. So wird der Begriff der Gewalt von Wilfried De Philipp sehr weit gesehen. Er reicht von der körperlichen Gewalt über die Gewalt in  subtilen Verhaltensweisen und Worten, die gut gemeint in bester Absicht geschehen, bis zu den helfenden Aktionen, die nicht helfend, sondern übergriffig und damit gewalttätig sind.
In einem angeleiteten Selbsterfahrungsprozess standen sich dann die Männer und die Frauen gegenüber und hatten zur Aufgabe, an die eigenen gewaltigen Handlungen und die erfahrenen Verletzungen mit dem jeweils anderen Geschlecht zu denken und sich eventuell ein Augenpaar zu suchen, um den Kontakt mit diesen Erinnerungen zu verstärken. Es wirkte die Verbundenheit mit den anderen Frauen oder Männern, die Abgrenzung zum anderen Geschlecht, die Andersartigkeit und die Möglichkeit  die andere Seite in ihrer Vielfältigkeit wahrzunehmen. Die Übung wurde mit einer kleinen Verneigung abgeschlossen. In einer Triadenarbeit  wurde der Selbsterfahrungsprozess vertieft und über Fragen zur eigenen Gewaltanwendung, Kontrolle und den Konsequenzen daraus reflektiert und das Wesentliche dazu einander mitgeteilt.
Nach einer Pause machte Wilfried De Philipp dann den Teilnehmern das Angebot für eigene Aufstellungen. Bei zwei Anliegen lehnte er liebevoll ab, eine Aufstellung durchzuführen. Er demonstrierte damit, dass nicht jedes Anliegen in die Form einer Aufstellung hineingepresst werden sollte, sondern andere Arten von Begleitung manchmal sinnvoller sind.
Bei einem dritten Anliegen zu einem Mann-Frau-Thema zeigte sich Schritt für Schritt, wie viele Formen von Gewalt in der Familiengeschichte gewirkt hatten und dadurch verhinderten, dass die Aufstellerin bisher nicht das erwünschte Glück in der Mann-Frau-Liebe erfahren konnte.

Nach der Abendpause trafen sich die Teilnehmer des Tages zur "Milonga", so heißt das Tanztreffen der Tangotänzer. Die Referenten Tanja Vieten und Michael Knorr führten in ihrem kurzweiligen Workshop in den Tangotanz hinein und brachten allen Teilnehmern die acht Grundschritte des Tangotanzes bei. Sie wechselten dabei ständig in ihren Erklärungen und Erzählungen – offen oder verdeckt – die Ebenen zwischen den Haltungen beim Tangotanz und denen in der Mann-Frau-Beziehung. Auf tänzerisch-spielerische Weise griffen sie das Thema des Tages mit viel Achtsamkeit und Tiefgang in dieser fortgeschrittenen Stunde auf. Sie führten, ganz im Stil von guten Tangotänzern und die Teilnehmer ließen sich hingebungsvoll führen, so wie es Tangotänzerinnen idealerweise tun.
Eine besondere Erfahrung war, als die Frauen den Männern beim Tangoschrittlernen zuschauten, auf deren mögliche
Unsicherheit und Angst vor dem Versagen durch den Kursleiter hingewiesen war der Blick auf die andere Seite wohlwollend. Umgekehrt beobachteten die Männer dann die Frauen bei ihren Lernschritten und schließlich kam es zur Krönung, als alle sich zu Paaren fanden, um das Gelernte miteinander umzusetzen. Viel Freude und Glück über das Gelingen war im Raum zu spüren.
Als letztes seien noch die treffenden, eingeblendeten Filmausschnitte aus der Tangoszene erwähnt, die für Abwechslung sorgten und kleine Wartezeiten überbrücken halfen.

Insgesamt war es ein ergiebiger, gelungener und erfüllender Tag mit vielen Impulsen und Antworten. Das schöne, großzügige Ambiente der Lokalität und die gute kulinarische Versorgung haben den Tag abgerundet.