Grafik mit einer Gruppe stilisierter Spielfiguren









7. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen
30. Oktober bis 1. November 2009
Ein Bericht aus Wuppertal
von Heinz Stark

in: Praxis der Systemaufstellung, Heft 2/ 2009
(Mit nachfolgendem Link können Sie den Bericht auch im pdf-Format ansehen: Bericht DGfS-Kongress 2009)

Um es gleich vorwegzusagen: Ich kam bereichert, angeregt, ja erfüllt nach Hause von diesem feinen Kongress(chen) in Wuppertal.
Von allen sieben Aufstellerkongressen in Deutschland kam ich reicher zurück, sie hatten alle ihre Qualität, ihre Höhen, auch manche Tiefen, dieser 2009 war da nun nicht das ganz andere, aber er war wirklich fein: Offenbar keine Veranstaltung löste größeren Umfanges unzufriedenes Maulen aus oder verwundertes Kopfschütteln oder blieb den Teilnehmern wesentlich etwas schuldig, die Teilnehmenden waren „aufmerksam, mitschwingend, resonanzgebend“, sagten die Referenten nach ihrer Veranstaltung, genauso war es auch in den Veranstaltungen, die ich besucht habe.

Aus meiner Sicht wäre an das Gesamtpaket von Programm und Organisation das gute Siegel „Qualitätsarbeit“ zu heften.

Thomas Siefer, Aufsteller, systemischer Unternehmens- und Organisationsberater, der die Berserkerarbeit der Kongressleitung übernommen hatte, hat nicht nur vermocht, ein kreatives, kompetentes und effektives Team um sich zu versammeln und wirksam werden zu lassen, er hat auch ein großartiges Instrument zum Einsatz gebracht, um Mischung, Güte und Stimmigkeit des Programms zu kreieren und zu justieren: Aufstellungsarbeit! Jede Programmposition ist im Laufe des Werdensprozesses aufgestellt worden (Bravo!).

So entstand ein (auch in der grafischen Präsentation sehr buntes) Programm, geordnet unter acht Kategorien (Kompetenzfelder): heilen – Heilberufe / therapieren – therapeutische Berufe / psychosozial beraten – soziale Berufe / ausbilden – Ausbilder und Supervisoren / lehren – pädagogische Berufe / entwickeln – Organisationsberatung / führen – Unternehmen und Institution / agieren – Gesellschaft.
Es gab Exotisches wie Aufstellungen mit Tieren, ich erlebte tatsächlich, wie ein lebendes Pferd in einer Aufstellung seinen Beitrag zur Familiendynamik mitteilte, war fasziniert vom Sozialleben in der weiblich dominierten Gesellschaft der Tüpfelhyänen, war beeindruckt vom Genogramm  Barack Obamas, verblüfft und berührt über meine Paarbeziehung, wie sie sich in einer Doppel-Blindaufstellung mit Bodenankern zeigte ... Mindestens zehn weitere Veranstaltungen, die ich nicht besuchen konnte, hätten mich noch brennend interessiert und noch einmal zehn sehr interessiert.

Ja, und da war dann auch noch (ein) Raum für Absichtslosigkeit.
Um etwas in die Existenz zu bringen, braucht es neben Raum auch Zeit.
Meine Absicht, unabsichtlich in den Raum der Absichtslosigkeit zu gehen, blieb jedenfalls in der Absicht stecken.

Vibrierend von der Fülle des Angebots, diesen ungefähr 90 spannenden Veranstaltungen, und angeregt von vielen guten Begegnungen in den Pausen, dem Austauschen, ganz absichtslos versteht sich, war ich trotz ausdrücklicher Zeitverordnung des Programms: Zeit zum Ankommen ... Philosophie ... Neues und Bewährtes ... Zeit für Verwandtes ... Öffentlichkeit ... eher eingehalten in das Empfinden des Mangels an Zeit.
„Ach schade“, hörte ich da auch mehrfach, „schade, dass man nur in eine Veranstaltung gleichzeitig gehen kann“, und die da sprachen waren Professionals.

Das war generell der Eindruck, nicht nur meiner, kaum jemand schien mir im Alter unter 30 Jahren, alle irgendwie engagiert in Aufstellungsarbeit, der Kongress eines Berufsverbandes eben, „eines kleinen, berufsübergreifenden Fachverbandes“, wie Jakob Schneider es ausdrückte.
Die vielgestaltige Mischung früherer Aufsteller-Kongresse von Neugierigen, Vertretern der „spirituellen Szene“, das studentische Element ... und jetzt vielleicht ein größeres Kontingent von Anhängern und Mitgliedern in Bert Hellingers Sienctia fehlten eher ...

Der Begründer der phänomenologischen Aufstellungsarbeit selbst blieb indes in allem geehrt, wie Eltern und Großeltern eben angemessen zu ehren sind, ohne seine Vorarbeit wäre ja auch in der Tat dieser Kongress nicht gewesen.

Er war präsent in guten Worten des Vorsitzenden der DGfS Jakob Schneider über die Herausbildung getrennter Wege in der Aufstellungsarbeit, die in der Tiefe durch „… Gemeinsames verbunden …“ bleiben, geehrt auch in dem großen Programmplatz, der für das „Geistige Aufstellen“ unter der Rubrik Verwandtes eingeräumt war, sehr authentisch und berührend ausgefüllt von Michaela Kaden. Circa 120 von 180 (ohne Referenten) Teilnehmenden am Kongress besuchten den Workshop: „Mit Herz zur Liebe des Geistes - Erfahrungswege zum geistigen Familienstellen nach Bert Hellinger“-. : Der Workshop bot kleine Übungen, Begegnungen aus innerer Sammlung mit Vater und Mutter, Welt und Leben. Das geht unvermeidlich ans Herz, berührt und rührt an der Liebe.

Alle Aufsteller kennen diese tragende Liebe hinter dem Schlimmen, dem Leid, in Krankheit und Verstrickung, die freigesetzt in unserem Tun alle zu ergreifen vermag.
Mehr als ein Pausengespräch kreiste um die Frage, ob der religiöse Kontext, in den das Bewegungsaufstellen eingebunden wird, notwendig und förderlich sei.
An dieser Stelle ging es mir wieder wie bei unseren früheren Kongressen, irgendwie fehlte mir in all dem Affirmativen ein Forum der kritischen Auseinandersetzung.

Einen großen Platz nahmen auch Bert Hellingers gedruckte Gedanken ein, auf dem Büchertisch waren eine Menge neu verlegte Bücher mit seinem Namen da. Es ist auffallend, wie stark diese in ihrer ästhetischen Gestaltung hinter frühere Veröffentlichungen zurückfallen, sie kommen im historischen Bibellook oder im Design amerikanischen Psychic- Kitsches daher. Dergestalt verlangen sie mir richtiggehend Überwindung ab, sie in die Hand zu nehmen und zu den Texten vorzudringen.

Insgesamt war ein Hauch von Trauer und Trennungsschmerz, ein großes „Schade“ über das Auseinanderschneiden der Aufstellerfamilie in vielem spürbar. Ein Kollege meinte, ihm erschiene diese Trennung, als habe man dem Körper den Kopf abgeschnitten.

„Die Aufstellungsarbeit lebt!“, sagte Jakob Schneider in seiner Eingangsrede, vielleicht ist es ja wie bei Hydra, in Wahrheit hat die Aufstellungsarbeit (inzwischen) nicht einen, sondern neun Köpfe, und an jeder Stelle, an der ein Kopf abgehauen wird, wachsen zwei neue nach.

Der Baum im Titelbild des Kongresses mit der Anmutung des tragischen Unfalls, schwer bandagiert, mit zwei Stümpfen, amputierte, einst mächtige Stammverzweigungen, illustriert die Krise, umschwebt von einer eher hilflosen Textzeile: „Zeit der Wandlung“.

„Ach, der arme, eben noch so mächtige Baum, schöne Wandlung das“, so meine erste Assoziation, als ich dieser Titelmontage in der Kongressankündigung ansichtig wurde.
In der Tat, auch der Verlust des zweiten großen Astes, der internationalen Aufsteller-Community war deutlich sichtbar und fühlbar, immerhin ein Defizit von mehreren hundert Umarmungen in Wiedersehensfreude der Kollegen und Kolleginnen aus aller Welt. Die neu gegründete ISCA (International Systemic Constellation Association) war indes auch institutionell nicht vertreten. Auf nationalen Berufsverband-Kongressen pflegen normalerweise mindestens Delegierte oder Ehrengäste aus anderen Ländern anwesend zu sein.
Die Veranstaltung „Deutschlandkongress“ zu nennen hat meines Erachtens dann sogar noch unsere nächsten, deutschsprachigen Nachbarn ausgeladen.
Mir scheint jedenfalls, dass die Betonung des Nationalen und des Verbandlichen in dem Titel „DGfS Deutschland-Kongress 2009“ für viele an der Aufstellungsarbeit Beteiligte und Interessierte eher eine Aus- als eine Einladung war.
(Das klingt doch für Nichteingeweihte wie BASF Jahreskongress und wirkt gedruckt auf dem Magentarot der Telekom als etwas eher Internes, Exklusives …)

Ein 7. Kongress für System- und Familienaufstellung, ausgerichtet von der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen DGfS, hätte doch eher eine einladende Botschaft an alle dargestellt, die mit Aufstellungsarbeit befasst oder an ihr interessiert sind. Die relativ geringe Zahl der Teilneh-menden zeigt, dass diese Einladung nicht gelungen ist. Die zeitlich parallel in Köln stattfindenden Therapietage taten hier sicher ein Übriges.

Die an sich großartige Idee, eine Reihe von Veranstaltungen in die Stadt auszulagern und die Öffentlichkeit mit einzubeziehen, scheint mir, soweit ich dies ermitteln konnte, im Großen und Ganzen in der Praxis missglückt zu sein. In den Veranstaltungen saßen doch überwiegend bis ausschließlich Teilnehmende des Kongresses. Eine Ausnahme, die Veranstaltung beim Kinderschutzbund, weist hier vielleicht den Weg für Zukünftiges. Wenn die Veranstaltungen in der Öffentlichkeit an ihrerseits öffentlich tätige Organisationen angebunden sind, können diese mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit ein interessiertes Publikum gewinnen.

Trotzdem danke für so viel investierte Kreativität, Kompetenz und Engagement, es hat sich gelohnt, auch wenn es sich gelohnt hätte für mehr, für alle.

Der Autor:
Heinz Stark
, System- und Körpertherapeut, Lehrtherapeut/Trainer DGfS, leitet das Institut für Systemisch-Integrative Therapie und das Seminar- und Retreathaus in der Göhrde (Raum Hamburg/Lüneburg).
Heinz Stark führt seit vielen Jahren Aus- und Fortbildungen durch in Deutschland und den USA (System- und Familienaufstellungen und Sytemisch-Integrative Therapie SYIN®).