DGfS-Konferenz März 2014 - Bericht

Von Ungesagtem und der Grammatik der Aufstellungsarbeit

Ein Bericht von Henriette Stephan

Vom 9. bis 11. März 2014 fand die bisher bestbesuchte 6. Uslar-Konferenz der „Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen“ (DGfS) statt. Rund 90 Teilnehmer tagten in gewohnter Umgebung (im „Landhotel am Rothenberg“ in Uslar) und unter gewohnter Leitung (von Dieter Dicke) zum Motto

Das Gesagte und das Ungesagte*  –
Achtsamkeit in der Gegenwart nährt die Qualität des Augenblicks zum Wohle des  Zukünftigen.“

Neben einem interessanten Programm bestehend aus Vorträgen, Workshops und einer Podiumsdiskussion erlebten die Teilnehmer höchstes kulinarisches Niveau, eine anrührende „Taktstockübergabe“ an den neuen Vereinsvorsitzenden sowie ausgelassenen Tanz zu Klängen von DJ Sven.

Zum Auftakt stimmte uns Dieter Dicke auf das Motto der Konferenz mit Aufstellungen aller Teilnehmer ein und zwar nach Region, Alter, Einkommen mit Systemaufstellungen und erster Kontakt mit der Methode. Dadurch waren wir hinsichtlich des eigenen Platzes in der Gruppe orientiert und konnten mit Achtsamkeit aus dem Alltagsleben in der Gegenwart der Konferenz ankommen.

Etwa ein Drittel des Programms war vorab geplant. So fand zunächst ein Vortrag von Prof. Dr. Matthias Varga von Kibéd statt, der mittels einer Video-Liveschaltung aus Jerusalem übertragen wurde. Anhand der Begriffe „Transverbalität“ und „Grammatik“ zeigte Matthias auf, wie in der Aufstellungsarbeit die Machtausübung des Aufstellers vermindert und die Methode lehrbar gemacht werden kann. So kann das „Ungesagte“ des Aufstellers und der Methode durch kleinteilige Grammatik entmystifiziert werden.

Viele waren von Matthias lebendigem Vortrag und seiner schlüssigen Argumentationsweise beindruckt und bekamen auf diese Weise (wieder) einen Zugang zu seiner Methode der „Systemischen Strukturaufstellungen“. Neben dem „Ungesagten“ avancierte der Begriff „Grammatik“ schnell zum geflügelten Wort der Konferenz.

Abends fand die offizielle Danksagung und Verabschiedung der letzten Vereinsvorsitzenden, Barbara Innecken, statt. Anschließend übergab Barbara in einem von Jakob Schneider eingeführten Ritual das Amt des Vorsitzenden an Dieter Dicke. Mit den Worten „Und wenn ich ein Schamane wäre und alle Kräfte der vorherigen Vorsitzenden hier hinein zaubern könnte, dann würde ich das tun“ reichte sie den Vorsitzenden-Dirigentenstock an Dieter Dicke weiter.

Rund zwei Drittel des Programms gestalteten wir Teilnehmer selbst, indem wir unter vor Ort erarbeiteten oder vorab ausgearbeiteten Workshopangeboten von KollegInnen abstimmten. Das größte Interesse weckten die Angebote von Erika Schäfer, die deshalb sogar zwei Workshops anbot, und Jens Magerl. Erika führte in „Regressionsaufstellung bzw. systemisch-karmische Aufstellungsarbeit“ ein. Dabei wird bei systemisch nicht lösbaren Anliegen eine Rückführung in Kindheit, Geburt, Schwangerschaft oder frühere Leben durchgeführt. Jens stellte „Die Quadrataufstellung“ vor, die anhand einer Matrix mit den Achsen von „ja“ zu „nein“ und von „nicht-ja“ zu „nicht-nein“ die Möglichkeit des bilderlosen, abstrakten Arbeitens für beispielsweise diskrete Anliegen und Traumata bietet. Viele nahmen auch an der von Gunthard Weber geleiteten Gesprächsrunde zum Einfluss des Aufstellers auf die Aufstellung teil. Dort wurden mögliche Einflüsse der Aufstellungsleiter wie z. B. Themen aus der eigenen Biographie bzw. dem eigenen System oder Themen, mit denen der Aufsteller momentan beschäftigt ist, erarbeitet. Die Fragestellung erschien den Teilnehmern so bedeutsam, dass sich nach dem Workshop viele bereit erklärten, sie weiterzuverfolgen.

Weitere Workshopangebote waren unter anderem „Systemische Medizin und – Familientherapie“ von Dr. med. Birgit Hickey, „Vier-Dimensions-Aufstellungen“ (Körper – Geist – Psyche – Seele) von Marion Lockert, „Pangarden Spiel“ (www.pangarden.org) von August Rüggeberg, „Wie kann man online aufstellen?“ von Natalia Spokoinyi und Dr. Detlef Beier, "Ein besonderer Zugang zur Aufstellungsarbeit bei schwersten Traumata" von Natalia Spokoinyi, „Verdeckte System-Imagination (VSI)“ von Wolfgang Kraus und „Systemaufstellungen und Mehrwertsteuer“ von Christopher Bodirsky.

Als zweiter fester Programmpunkt fand am Montagmorgen die Podiumsdiskussion mit den bisherigen Vereinsvorsitzenden Gunthard Weber, Heinrich Breuer, Jakob Schneider und Barbara Innecken statt. Albrecht Mahr war leider verhindert. Weiterhin nahm Wilfried De Philipp teil, der lange Jahre als Geschäftsführer des Vereins tätig war. Die Fragen, die sich um die Anfänge der Aufstellungsarbeit, die Amtszeit als Vorsitzende und die zukünftigen Ziele der DGfS drehten, stellten Birgit Theresa Koch, Henriette Stephan und Dieter Dicke.

Einnehmend und authentisch schilderten die Ehemaligen ihre Entwicklungswege, also ihr „Ungesagtes“, bis hin zu ihrer Begegnung mit der Aufstellungsarbeit. Ihre Begeisterung und Liebe für diese Art der Arbeit war deutlich spürbar, ebenso die Selbstlosigkeit, mit der sie sich für die Methode eingesetzt hatten. Beeindruckend war auch die Bescheidenheit, mit der die Vorsitzenden auf ihr erfülltes Leben und Wirken für Menschen zurückblickten. Obwohl es heute keine Zusammenarbeit mehr gibt, schwang in ihren Worten viel Wertschätzung und Anerkennung für Bert Hellinger mit, dem Begründer des „Familienstellens“.

Im Zuge der Diskussion um zukünftige Aufgaben der DGfS fielen Stichpunkte wie „den Wert der Aufstellungsarbeit weiter tragen“, „die Arbeit weiter professionalisieren“, „nicht einen Minimalkonsens anzustreben, sondern sich auf das Eigentliche der Aufstellungsarbeit zu konzentrieren“. Heinrich Breuers leidenschaftliches Plädoyer für fortgesetzte Offenheit gegenüber der Diversifikation der Methode nach dem bisher gelebten Motto „eher Einschließen als Ausgrenzen“ erntete den spontanen Beifall des Publikums.

Dieter Dicke will als neu gewählter Vereinsvorsitzender u. a. die Regionalgruppenarbeit mit den Möglichkeiten der Bundesebene unterstützen und fördern. Aber auch die Arbeit nach außen will Dieter weiter fördern, z. B. die Vernetzung der DGfS mit anderen therapeutisch beraterischen Organisationen und die Kreation und Förderung von Forschungsvorhaben. Weiterhin möchte Dieter prüfen, ob eine Anbindung der DGfS an einen qualitätssichernden "Meta-Verband" möglich ist und von den Mitgliedern mitgetragen wird.

Zu Beginn des Nachmittags des zweiten Konferenztages stellte Lisa Böhm, Organisatorin der DGfS Tagung 2015, den Flyer und Aspekte des Programms vor:

ODI et AMO und andere POLARITÄTEN in der Aufstellungsarbeit
13. bis 15. März 2015
www.veranstaltungen.familienaufstellung.org

Dr. Dietmar Höhne informierte anschließend mit einem Kurzabriss des Programms über den gemeinsamen 2. Regionalkongress der DGfS-Regionalgruppen Nord und Hamburg/Schleswig-Holstein:

Die Wahrheit findet viele Sprachen (…)“,
Hamburg, Samstag, 17. Mai 2014
www.dgfs-nord.de

Schließlich machte die DGfS-Regionalgruppe NRW, an dieser Stelle vertreten durch ihren 1. Regionalgruppensprecher, Dr. Thomas Siefer, ihren für Samstag, 27.09.2014 geplanten Regionaltag in der VHS Bergisch-Gladbach bekannt:

ANGST MACHT GEWINN. Von der Unmöglichkeit, nicht systemisch zu leben
www.dgfs-nrw.de/regionaltag-2014.html

Den letzten festen Programmpunkt bildete der Vortrag von Wilfried Nelles zu seinem Aufstellungsformat „Lebens-Integrations-Prozess (LIP)“. Ausführlich schilderte Wilfried zunächst die Entstehungsgeschichte des Formats, einen scheinbar von Zufällen gelenkten inneren Prozess. Dann klärte er über das Format auf, das nicht die Eltern oder „Systemisches“ betrachtet, sondern das eigene innere Potential, das, „was im Menschen zur Blüte kommen möchte“. Aufgestellt werden Stellvertreter für verschiedene Lebensstufen, die bestimmten Bewusstseinsstufen entsprechen. Großes Interesse bestand an der Anwendung des Formats, weshalb Wilfried Nelles später zusätzlich einen Workshop anbot.

Für viele - rund ein Drittel der Teilnehmer waren „Wiederholungstäter“ – ist die Uslar-Konferenz ein Familientreffen: Man frischt persönliche Kontakte auf und trifft alte Bekannte wieder. So konnte man beispielsweise manche „alte Hasen“ zeitweise das Programm schwänzen und bei persönlich-methodischen Gesprächen im Flur zusammensitzen sehen. Aber auch Neulinge, die in früheren Zeiten der „Ingroups“ um einzelne graue Eminenzen wohl mehr sich selbst überlassen waren, fühlten sich schnell sehr aufgenommen und „von einem Strudel der Herzlichkeit erfasst“.

Damit sich alle ein Bild machen konnten und der Einsatz der ehrenamtlichen FunktionsträgerInnen der DGfS gewürdigt werde, bat Dieter Dicke zu Beginn des dritten Konferenztages den neu gewählten Bundesvorstand sowie alle Mitglieder des Bundesleitungsgremiums, der Anerkennungskommission und des Weiterbildungsausschusses nach Vorne. Leider konnte die Ombudsfrau, Monika Hörter, krankheitsbedingt nicht anwesend sein.

Beim kollegialen Austausch auch im Kontext der Workshops und Gesprächsrunden stand das Miteinander im Vordergrund. So machten beispielsweise die Workshopanbieter ihr Wissen allgemein zugänglich, offenbar ohne Angst vor Ideenklau. Im Gegenteil motivierten sie die Teilnehmer, das Gesehene selbst auszuprobieren und anzuwenden. Auch in den Pausen war reger Austausch zu beobachten. Ein Teilnehmer beschrieb die Konferenz mit den schönen Worten „eine Maxi-Intervisionsgruppe, die Therapeuten Heimat gibt“.

Nicht unerwähnt bleiben soll die – wie mir Kenner versicherten – gewohnte Souveränität, mit der Dieter Dicke die Konferenz leitete. Entsprechend vertrauensvoll überließen es die Teilnehmer dem Moderator, unterschiedliche Erwartungen und Ansprüche auszuhalten, zu ordnen sowie Energien zu bündeln – und wurden nicht enttäuscht.

Weiterhin scheint mir die große Bewegungsfreudigkeit der Teilnehmer am Abend des zweiten Konferenztages auf der Tanzfläche hervorhebenswert. DJ Sven, ein „Plattenentertainer“ aus der Region, legte für gut 3 Stunden auf und die SystemaufstellerInnen schienen auch dort ganz in ihrem Element zu sein. Die Bewegungen von „elegant“ über „experimentell“ bis hin zu „Rockstar“ strahlten intensive Lebensfreude aus.

Schließlich verdient das Tagungshotel ausdrückliches Lob für die phänomenale Küche und die positive Energie des Personals. Nicht nur überzeugten die Speisen in ihrer Bandbreite von „einfallsreich“ bis „exotisch“, sondern auch die liebe- und hingebungsvolle Umsetzung verschiedenster Nahrungsmittelthemen von vegetarisch über glutenfrei bis hin zu vegan war sehr verführerisch. Das Personal bot Kontakt auf Augenhöhe und präsentierte sich von „offen-herzlich“ bis „humorvoll-frech“.

Fazit:
Während der drei Tage in Uslar lebten wir ganz nach dem Motto der Konferenz. In einer Atmosphäre von Wertschätzung und Achtsamkeit untereinander aber auch über die DGfS hinaus erlebten wir nährende und qualitativ hochwertige Augenblicke zu unserem eigenen Wohl und zum Wohle der Aufstellungsarbeit.

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*Vergleiche: Luigi Boscolo / Paolo Bertrando, Systemische Einzeltherapie, Heidelberg 1997, S. 42 – 47. Der Text kann mit nachfolgendem Link runtergeladen werden: Das Gesagte und das Ungesagte