Editorial der "Praxis der Systemaufstellung" 2/ 2012

Editorial

Verbleiben die Lebenden und ihre Toten in einer gemeinsamen Seele? Unter diesem Titel ziehen Thomas Latka und Jakob Robert Schneider ihr Resümee vom diesjährigen Symposium unserer Zeitschrift. Diese Frage und der Umgang damit in der Aufstellungsarbeit begleiten uns fast von Beginn an (s. zum Beispiel die Nummer 1/2000). Geht es in Aufstellungen, wenn wir auf die Toten schauen, um unsere inneren Bilder von ihnen oder unsere Erinnerungen an sie? Oder können wir von einer gemeinsamen seelischen Wirklichkeit von Toten und Lebenden sprechen? Was würde das für den Umgang mit den Toten in Aufstellungen bedeuten?

Frau Aleida Assmann sprach auf dem Symposium von Aufstellungen als einem Ort, an dem wir zentrale Schlüsselepisoden nachholen oder zu Ende bringen können, dort, wo sie in der Familie nicht lösend vollzogen oder zu Ende gebracht werden konnten. Insoweit sind Aufstellungen ein bedeutsamer Raum der Begegnung von Lebenden und Toten mit dem Ziel der Loslösung und dass etwas Neues in die Welt kommt. In ihrem Vortrag, den wir in dieser Nummer wiedergeben, stellt Frau Assmann die Aufstellungsarbeit in den weiten Kontext kultureller Bemühungen, die Toten erinnernd zu verabschieden. Die Teilnehmer am Symposium haben es als sehr beeindruckend erlebt, wie treffend hier eine renommierte Wissenschaftlerin von außen das tiefe Anliegen des Familienstellens beschreibt.

Vom Rückblick zur Vorschau: Im März kommenden Jahres findet in München eine DGfS-Tagung mit dem Thema „Gelebte Spiritualität“ statt. Die Organisatorin Lisa Böhm bereitet in ihrem Artikel „Spiritualität, Seele und Aufstellungsarbeit“ auf diese Tagung vor. Gehört Spiritualität zum Wesentlichen der Aufstellungsarbeit? Viele Elemente, die Bert Hellinger in das Familienstellen integriert hat, deuten darauf hin, zum Beispiel die phänomenologische Haltung mit ihrer Präsenz, die Absichtslosigkeit, das Nichtwollen. Lisa Böhm erwähnt Harald Homberger, der die Aufstellungsarbeit als „Meditation mit therapeutischen Nebenwirkungen“ bezeichnet.
Wie verhält sich Spiritualität zu unserem Alltag? Wie zur Religion? Lisa Böhm verweist in ihrem Artikel auf
einige der wichtigen Fragen.

Wie sind Aufstellungen wahr, jenseits der Einengungen von metaphysischer Absolutheit und Formen des Fundamentalismus, Konstruktionen der Wirklichkeit und Fernwirkungen von Aufstellungen? Hunter Beaumont versucht im zweiten Teil seiner Vortragsreihe während der letztjährigen US-Aufstellerkonferenz zu zeigen, dass es verschiedene Arten von Wahrheit gibt, die auf verschiedene Weise zum Tragen kommen. „Aufstellungen bieten uns einen Kontext, in dem wir überprüfen können, was wir für wahr halten, was das für Geschichten sind, die wir gehört
haben und auch die, die wir erzählen. In diesem Sinn sind Aufstellungen ein Instrument zur Erforschung und nicht zur Veränderung von Wirklichkeit.“ Wie lösend diese Erforschung der Familiengeschichte sein kann, das zeigt Sieglinde Schneider unter dem Titel „Wahrheit, die löst und befreit“. Sie setzt auf das genaue Wissen darum, was sich in Familien ereignet, und unterstreicht dies mit dem Hinweis auf literarische Geschichten und ein Fallbeispiel.

Wilfried Nelles betont einen anderen Blickwinkel der Aufstellungsarbeit. In seinem neuen Buch, aus dem wir unter dem Titel „Umarme dein Leben“ einen Ausschnitt übernehmen, stellt er die Frage: „Wie stelle ich mich heute, als Erwachsener, zu den Ereignissen meiner Kindheit, zu meinen Eltern oder zu dem, was mein Großvater getan oder erlitten hat? Geht Letzteres mich überhaupt etwas an? Wie gehe ich jetzt um mit dem, was gewesen ist, was ist meine innere Haltung dazu und was sind die praktischen Konsequenzen daraus?“ Er stellt ein neues methodisches Aufstellungsverfahren vor, das er „Lebens-Integrations-Prozess“ nennt.

Wir möchten den Lesern auch besonders unsere neue Rubrik „Berührungspunkte: systemisch“ ans Herz legen, die in Interviews herausragende Persönlichkeiten des systemischen Denkens und Handelns vorstellt. Birgit Theresa Koch beginnt diese, von ihr vorgeschlagene Reihe mit einem Gespräch mit Kurt Ludewig. Das Interview von Maike Struve mit Thea Schönfelder stammt zwar aus dem Jahr 2002, vermittelt aber auch heute noch kluge und lesenswerte Hintergrundinformationen.

Weitere Artikel seien hier nur angedeutet: Rüdiger Schäfer setzt die Beschäftigung mit dem Thema „Kinder opfern“ fort, August Thalhamer die Diskussion zur „Verstrickung“. Peter Bourquin stellt vor, wie die Methode des Aufstellens geeignet ist, innerpsychische Beziehungen heilen zu lassen. Erika Gollor berichtet über den Konflikt zweier Schülerinnen und zeigt daran, wie die systemische Pädagogik erfolgreich Anwendung in der Schule finden kann. Schließlich stellt Reto Zbinden die Frage, wie Menschen und Führungs- und Organisationsprozesse sich gegenseitig beeinflussen. Er nützt Systemaufstellungen, um Führungspersonen nicht nur in ihrer Funktion, sondern gleichzeitig als Menschen mit einzigartigen mitmenschlichen Bezügen wahrzunehmen, und fordert entsprechende Führungs- und Organisationstheorien. Es gehe um eine zunehmende Ausrichtung der Organisation am Menschen und seiner Entwicklung.

Die Redaktion

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