Praxis der Systemaufstellung 2/ 2012 - Leseproben

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Probe 1 aus PdS 2/ 2012:

Wie sind Aufstellungen wahr?
Hunter Beaumont auf der „US Systemic Constellations Conference“ in San Francisco im Oktober 2011 gehalten hat. (Siehe PdS 1/2012, S. 30)

Gestern habe ich gesagt, dass ich in diesen Vorträgen nicht
über praktische Fragen, sondern über einige zentrale Ideen der Aufstellungsarbeit sprechen werde. Eines dieser wichtigen Themen ist die Frage nach der Wahrheit: Wie sind Aufstellungen wahr?
Genauso wie es zwei Möglichkeiten gibt, Bedeutung zu erfinden, so gibt es auch zwei Möglichkeiten, über Wahrheit zu sprechen. Als wir heute früh Fran Borings eindrucksvolle Anrufung gehört haben, spürten wir unmittelbar, dass das wahr ist, was sie da ausgesprochen hat. Aber auf welche Weise? – Wahrheit ist eines dieser Worte, die viele verschiedene und sich wandelnde Bedeutungen haben. Deshalb möchte ich heute mit einer Vorbemerkung über Kommunikation beginnen und über die unterschiedliche Bedeutung von Worten, je nachdem, in welchem Kontext sie gebraucht werden, denn dies ist entscheidend für unser Verständnis von Wahrheit. 
Kommunikation ist nur möglich zwischen Partnern, die sich über die Bedeutung ihrer Worte einig sind. Wenn ich etwas zu euch sage, könnt ihr mich nur richtig verstehen, wenn meine Worte für euch zumindest eine ähnliche Bedeutung haben wie für mich. Wenn ihr euch zum Beispiel Gedanken 
über den Satz: „Nichts ist wirklich“ macht, so nehme ich an,
dass ihr etwas versteht wie: „Alles ist Illusion“. – Überlegt euch jedoch Folgendes: Es ist bekannt, dass der Kosmos sich ausdehnt. Eine populäre Erklärung davon ist der „Urknall“, das heißt, das Universum fliegt von einem zentralen Raum-und Zeit-Punkt auseinander. Aber es gibt eine neue Theorie, die die beobachteten Fakten mathematisch besser erklärt. Diese Theorie geht davon aus, dass das Universum sich ausdehnt, weil das Nichts in es eindringt, und dass dieses Nichts alles auseinander schiebt. Es ist, als würde man zwischen zwei Gummienten in einer Badewanne Wasser schütten, und das triebe sie auseinander. Es kann also sein, dass Nichts in das Universum fließt und alles auseinandertreibt, und in dieser neuen Theorie ist das Zentrum des einströmenden Nichts überall, und auch der Umfang dieses Nichts ist überall. Wenn ihr nun über den Satz: „Nichts ist wirklich“ nachdenkt, bemerkt ihr dann, dass euer Verständnis sich völlig verändert hat? Der Satz bedeutet nun so etwas wie: „Der leere Raum zwischen den Enten ist wirklich.“      
Was das Wort „Wahrheit“ angeht, so benutzen es die Menschen auf verschiedene Weise. Häufig wird es benutzt, um etwas absolut Wahres zu bezeichnen. – Gestern habe ich Fundamentalismus und Faschismus und extreme politische und religiöse Überzeugungen erwähnt. Solche Menschen benutzen das Wort Wahrheit meist in diesem absoluten Sinn. Sie glauben sich zu der Überzeugung berechtigt, dass 
ihre Ansicht die einzig wahre und alles, was davon abweicht,
falsch ist. Für sie haben Worte einen eindeutigen Sinn. Es ist gut, sich zu erinnern, dass wir zeitweise alle so denken. Wer jemals einen Streit mit einer Person hatte, die ihm wirklich wichtig war, wird sich auch erinnern, mit voller Überzeugung Sätze wie diese gesagt zu haben: „Du verstehst mich niemals, du bist nie da, wenn ich dich brauche, du drehst mir die Worte im Mund um!“ oder so ähnlich. Während man das sagt, ist man davon überzeugt, dass das stimmt, aber einige Zeit danach, in einem entspannteren Augenblick, weiß man genau, dass diese Sätze nur teilweise wahr sind.
Die Verwechslung dieser zwei Möglichkeiten Wahrheit ist problematisch in vielen Religionen und politischen Syste-men, und auch für viele menschliche Beziehungen. Im Ge-
gensatz dazu sagen die postmodernen Philosophen und die radikalen Konstruktivisten jedoch, dass es gar keine Wahrheit gibt. Sie behaupten, dass alles, was wir glauben, nur ein geistiges Konstrukt ist und dass es deshalb auch keine objektive Realität gibt. In dieser extremen Form des Konstruktivismus ist jedoch ein seltsames, logisches Paradox enthalten: Wenn das wahr ist, was sie sagen – nämlich dass
es keine Wahrheit gibt –, dann heißt das, dass es zumindest
diese eine Wahrheit geben muss! Womöglich habt ihr schon
mit solchen Menschen diskutiert. Diese Diskussionen laufen so wie mit anderen Fundamentalisten: Sie werden unflexibel, man hört sich nicht mehr gegenseitig zu, sondern man verteidigt die „Wahrheit“ des eigenen Glaubenssystems. Solche Diskussionen mögen Spaß machen, aber es dreht sich dabei nicht um gegenseitiges Verstehen, sondern um die Frage, wer gewinnt. 
Aber abgesehen davon ist die konstruktivistische Position hilfreich, indem sie uns einlädt, alles, was wir für wahr halten, zu prüfen. Wenn wir ehrlich sind, stellt sich dabei heraus, dass vieles davon nicht absolut wahr ist. – Wir alle haben Überzeugungen aus unserer Kultur und Familie über-nommen. Aber unsere Fähigkeit, seelisch „zurückzutreten“, gestattet uns, unsere Überzeugungen, Gewohnheiten und 
auch unsere Verletzungen zu prüfen. Dies kann uns zumindest teilweise von blinder Verstrickung befreien, denn wir sind dann nicht mehr hilflos eingebunden in persönliche Traumen und soziale Konstrukte. So ist die konstruktivistische Sicht in ihrer milden Form eine große Hilfe, denn sie lädt uns zu dieser Hinterfragung unserer häufig unbewussten Glaubenssysteme ein.
In der traditionellen Philosophie gibt es zwei ähnliche Sichtweisen, die sich nur wenig von denjenigen unterscheiden, die für die Aufstellungsarbeit wichtig sind.
Imanuel Kant hatte die Idee, dass es ψdort draußen“ etwas Wirkliches gibt, aber was wir davon wissen können, ist immer weniger als das, was es in Wirklichkeit ist, und deshalb wissen wir nie alles, was ψdort draußen“ existiert. Menschliches Wissen über die Wirklichkeit ist immer weniger als die Wirklichkeit selbst. Ich denke, dass wir alle darin überein-
stimmen, dass kein einzelner Mensch alles wissen kann, was
man wissen kann. Aber wir spüren, dass es dennoch ψda draußen“ etwas für uns zu wissen gibt.
 
Spinoza hatte eine etwas andere Sichtweise, die mir für unsere Arbeit noch relevanter zu sein scheint. Er vertrat den Standpunkt, dass Wahrheit durch ein Zusammenwirken zwischen dem, was ψdort draußen“, und dem, was ψhier innen“ ist, entsteht. Modern ausgedrückt: Wahrheit wird erschaffen durch das Zusammenwirken der Welt unserer Sinneswahrnehmungen (erweitert durch wissenschaftliche
Messungen und Experimente) und der Tätigkeit des mensch-lichen Geistes. Dieses Zusammenwirken ist ein dynamischer Prozess. Wir nehmen also an der Erschaffung von Realität, oder Wirklichkeit, teil. Wir nehmen an der Erschaffung der Welt teil und erschaffen uns die Welt, in der wir leben, durch unser Zusammenwirken mit ihr. Spinozas Erkenntnis eines dynamischen Prozesses, der Wahrheit und Bedeutung erschafft, bietet uns ein gutes Modell für unsere Aufstellungsarbeit. Es hilft zu verstehen, dass Wahrheit sich in Aufstellungen herausbildet aus einem Zusammenwirken aller vorhandenen systemischen Dynamiken und dem, wie wir die Aufstellung verstehen, das heißt interpretieren. Oder, direkter ausgedrückt: Wenn ihr einem Klienten vermittelt, dass ihr die absolut wahre Aussage einer Aufstellung kennt, so würden euch Kant und Spinoza sagen, dass ihr Wahrheit in einem fundamentalistischen Sinn bestimmt. – Eine fundamentalistische Bestimmung von Wahrheit öffnet die Aufstellungsarbeit jedoch für Dogmatismus und Rechtschaffenheit und damit für die Wirkungen eines zerstörerischen Über-Ich. Sie setzt der an sich schon beschränkten Freiheit der Seele unnötigerweise zusätzliche Grenzen. – Aufstellungen können also niemals die absolute Wahrheit aufzeigen, ohne ein Instrument fundamentalistischer Einschränkung zu werden. Aber auf welche Weise könnten sie dann wahr sein?
Eine andere gängige Ansicht ist, dass Aufstellungen ein Instrument zur Veränderung von Wirklichkeit sind. Es kommen Menschen zu euch und sagen: ψIch muss aufstellen, um eine Verstrickung aufzulösen.“ Oder: ψDer Bruder meiner Mutter ist bei einem Autounfall umgekommen, und ich habe den Eindruck, dass meine Tochter mit ihm verstrickt ist. Ich möchte das gerne auflösen.“ Hinter einem derartigen Anliegen steht die Annahme, dass man eine Aufstellung in fast magischer Weise dazu benutzen kann, dieses Lebenssystem zu simulieren, und dass die Veränderungen, die man in dieser Simulation vornimmt, sich unmittelbar im realen Familiensystem auswirken. Außerdem sind solche Menschen der Meinung, dass du (oder sie) genau weißt, in welcher Richtung sich etwas verändern muss.   ...

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Probe 2 aus PdS 2/ 2012

Berührungspunkte: systemisch
Birgit Theresa Koch im Gespräch mit
Kurt Ludewig ...

Berührungspunkte ist der Beginn einer Reihe von Interviews mit Therapeuten, Beratern oder Theoretikerinnen, die vor allem das systemische Handeln und Denken in Deutschland seit Ende der 70er-Jahre weiterentwickelt haben. Entweder sie arbeiten mit Systemaufstellungen oder verwandten Formen oder liefern Grundlagen, die auch für die Aufstellungsarbeit von großer Bedeutung sind.

Das erste Gespräch führte ich mit Kurt Ludewig, der eine klinische Theorie der systemischen Therapie entwickelte und Gründungsvorsitzender der Systemischen Gesellschaft war. Er übersetzte die Bücher seines Landsmannes Humberto Maturana und gilt als der Erfinder des Familienbretts. Ein Gespräch über irreale Wirklichkeiten, den Einzug der systemischen Therapie in Deutschland, therapeutische Begeisterung und Verblendung, eine sprachlose Begegnung mit Bert Hellinger und die Gütekriterien für gelungene Interventionen: Nutzen, Schönheit und Respekt.

Herr Ludewig, Sie sind in Chile aufgewachsen und haben dort Ihre Kinder- und Jugendjahre verbracht. Hat das Ihre Entwicklung hin zum systemischen Denken beeinflusst?

Schon in meiner Jugend war ich offen für die Vorstellung, dass die Realität nicht das ist, was wir dafür halten, sondern dass unsere Welt das ist, was wir selbst erzeugen. Das Wort systemisch gab es damals noch gar nicht. In der chilenischen und in der lateinamerikanischen Literatur ging es immer auch um Irrealitäten. Isabel Allende, García Márquez oder Luis Borges schreiben alle über Dinge, die es nicht gibt oder doch gibt. Das ist sehr konstruktivistisch und kreativ. Ich hatte ein indianisches Kindermädchen, für die war es klar, dass es Hexen gibt, die zu bestimmten Zeiten um das Haus fliegen. Oder mein älterer Bruder erzählte mir fantastische Geschichten von Kriegen der Katzen gegen die Hunde. In dieser Atmosphäre unwirklicher Wirklichkeiten bin ich aufgewachsen.

Und wann hat Sie das systemische Denken erwischt und gepackt?

Das muss 1978 gewesen sein, ich arbeitete damals mit psychotischen Jugendlichen an der Uniklinik in Hamburg. Ich hatte von dem Buch ψParadoxon und Gegenparadoxon“ von Mara Selvini Palazzoli gehört, das war das erste Buch des Mailänder Ansatzes. Erst wollte ich es nicht lesen, weil es ein Quatsch sein musste. Es versprach, dass man Schizophrene in nur zehn Sitzungen behandeln könne, das sollte mir niemand erzählen. Als ein Kollege es mir schließlich gab, las ich es gleich bis zur 40. Seite, und am nächsten Morgen probierte ich schon etwas aus. Ich war so von den Socken von dieser Lektüre, die tatsächlich zu einer ganz neuen Art zu denken über Menschen und Beziehungen einlud. Außerdem versprach es, Therapien kürzer und effektiver zu machen. Wir haben innerhalb kürzester Zeit alle stationär behandelten jungen Patienten entlassen können. Da wir mit paradoxen Interventionen arbeiteten, haben wir sie schnell nach Hause geschickt. Es war sinnvoll auszuprobieren, ob diese Interventionen auch zu Hause in den Familien funktionierten. Wir hatten in dieser Zeit nur ein einziges Rezidiv, das war sehr ungewöhnlich und bei schizophrenen Jugendlichen wirklich nicht üblich.

Was würden Sie sagen, was Ihren jungen Patienten und deren Familien am meisten geholfen hat?

Es muss unsere Begeisterung gewesen sein, die uns diesen Erfolg bereitete. Es gibt diesen Allegianzeffekt, der beschreibt, dass der Erfolg von Therapien im besonderen Maße mit der Identifikation und Begeisterung für eine Methode zusammenhängt und weniger mit ihrer stringenten Anwendung (Adhärenz). Also diese Begeisterung war ganz entscheidend. Wir waren vier Kollegen, zwei Ärzte und zwei Psychologen, die durch die Mühlen der Psychiatrie im stationären Bereich mit Behandlungen bis zu vier Jahren gelaufen waren, wir hatten alles ausprobiert, verhaltenstherapeutische, analytische Verfahren und die klassische Familientherapie. Und plötzlich gab es da etwas anderes.

Etwa in dieser Zeit haben Sie das Familienbrett entwickelt. Das Familienbrett wird heute von vielen Therapeuten und Beratern verwendet. Wie kamen Sie auf die Idee? Haben die ersten Experimente mit Familienaufstellungen Sie beeinflusst?

Familienskulpturen hießen sie damals. Meine damalige Chefin, Thea Schönfelder, hat sehr viel damit gearbeitet. Die Skulpturen kamen mehr aus dem Psychodrama und der Gruppendynamik, es wurden Szenen auf einer Bühne gestellt, und die Personen sollten sprechen, wie es ihnen dabei geht. Der Skulpteur, um dessen Thema es ging, der konnte sich das angucken und Erkenntnisse daraus gewinnen.
Ich habe auch mal daran teilgenommen, die Teilnehmer brachten mir aber zu viel Eigenes hinein. Bei den Systemaufstellungen oder Konstellationen, so wie ich es verstehe, sind die Personen und wie sie agieren, nicht so relevant, sondern die Positionen und Entfernungen, die Sicht oder Nichtsicht auf jemanden. Die heutigen Konstellationen kamen erst später. Ich habe erst Anfang der 90er davon erfahren, aber vielleicht hatte Bert Hellinger schon früher damit gearbeitet.
Das Familienbrett entstand in einem anderen Kontext. Wir stellten uns die Frage, wie können wir die Prozesse in einem Gespräch mit mehreren Teilnehmern dokumentieren? Wir experimentierten mit Zeichnungen, aber wenn man Zeichnungen macht, muss man ganz schnell weitere Zeichnungen machen, um die Veränderung darzustellen. Dann macht man 25 Zeichnungen für eine halbe Stunde Therapie. Wir haben auch Videos gemacht, aber ein Film dauert genauso lange wie die Sitzung, das ist auch kein Gewinn. Ich holte mir ein paar Studenten der Psychologie, die ihre Diplomarbeit schreiben wollten, und habe mit ihnen überlegt, wie wir Familiengespräche dokumentieren könnten. Die üblichen Tests passten nicht, wir wollen ja keine Stabilitäten, sondern Instabilitäten erfassen.
Es gab einen Studenten in dieser Gruppe, der machte Nachtwachen in der Psychiatrie und hatte in einer Nacht plötzlich die Idee, einen Besenstiel in Stücke zu zerlegen. Als Unterlage machte er eine Holzplatte, so entstand die erste Version des Bretts. Wir mussten die Figuren dann noch etwas ausstatten mit Merkmalen. Wir haben kleine und große, runde und viereckige gemacht, dann haben
wir eine Nasenpartie und zwei Augen gezeichnet. Durch Entfernung und Blickrichtung bekamen wir eine Zweidimensionalität. Bei der Platte hatten wir die Unterteilung in Innen- und Außenfeld.
Ein anderer Student, Ulrich Wilken, Mitbegründer und heutiger Leiter des Instituts für Systemische Studien in Hamburg, hat als einer der Ersten seine Diplomarbeit über das Familienbrett geschrieben. Er übernahm die Produktion und den Verkauf des Bretts. Wilken war übrigens auch der Motor für die Gründung des Hamburger Instituts, in dem wir dann viele Jahre gemeinsam gearbeitet und gelehrt haben.

Haben Sie selbst in der Folge mit dem Familienbrett gearbeitet? Und wenn ja, welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Wollen Sie die Wahrheit hören oder lieber eine Geschichte?
Also die Wahrheit ist, dass ich mit dem Familienbrett nur selten mit Klienten, meistens nur mit Teilnehmern von Weiterbildungen zur Demonstration gearbeitet habe. Ich kam sprachlich so gut mit meinen Patienten zurecht, dass ich nicht das Bedürfnis hatte, ein Instrument dafür zu verwenden. Ich erinnere mich nur an eine Familie, die plötzlich an einem Freitagnachmittag kam, als ich schon nach Hause gehen wollte. Es war ein Notfall, das Kind hatte unerklärliche Schluckhemmungen und seit drei Tagen nichts mehr gegessen und getrunken. Die Kinderklinik hatte die Familie zu uns rübergeschickt. Erst wusste ich nicht, was ich mit dem Kind und seinen Eltern machen sollte, da kam mir die Idee mit dem Familienbrett. Das war dann eine der interessantesten Situationen, die ich je erlebt habe: Die Eltern – junge, hübsche Leute – standen im ersten Bild ganz eng nebeneinander und in der Mitte zwischen ihnen das Kind ganz eng. Dann fragte ich die Mutter auf dem Brett: „Wie hätten Sie es am liebsten?“ Die Mutter stellte sich nahe zu ihrem Mann und das Kind direkt davor. Dann fragte ich den Jungen, wie er es am liebsten hätte? Das Kind stellte sich hinter seine Eltern mit dem Blick nach außen. Ich fragte: „Wieso?“ Dann nahm es noch drei Figürchen und stellte sie vor sich und sagte: „Das sind meine Freunde!“ Wir saßen alle da und sprachen nicht mehr. Die Eltern haben sich das angeguckt, die Tränen kullerten, sie sind aufgestanden und mit dem Jungen nach Hause gegangen. Am Montag riefen sie an und teilten mit, dass das Kind wieder isst und trinkt. Es war etwas sehr Wesentliches passiert, in so kurzer Zeit.

Eine bemerkenswerte Erfahrung, die Sie da gemacht haben. Es ist sehr verwunderlich, dass Sie dann so selten mit dem Brett gearbeitet haben.

Vielleicht war ich zu faul. Wenn ich es genutzt habe, dann mehr im Sinne von Untersuchungen, zum Beispiel als ich bei den Mapuche, den Indianern in Chile, war. Da war es für mich hochinteressant mit dem Familienbrett zu arbeiten.

Als ich den Artikel über Ihre Arbeit mit den Mapuche las, war ich sehr beeindruckt, Sie haben Zukunftsvisionen oder auch Schreckensvisionen aufstellen lassen. Sie haben die Heilerin mit ins Bild genommen ...

Ja, die Machi, meine erste Mapuche-Familie, brachte die Heilerin mit ins Bild, danach habe ich das allen Familien angeboten. Es gab große Übereinstimmungen in den Aufstellungen. Als ich zum Beispiel nach der schlimmsten Situation gefragt habe, haben sie sich alle mit dem Blick nach außen dargestellt, und wenn ich nach der Heilung fragte, drehten sie sich wieder um und schauten alle gemeinsam gen Osten mit der Machi in der Mitte. Für mich bietet das Familienbrett als Kommunikationsmittel eine sehr gute Möglichkeit an, sich über relativ komplexe systemische Zusammenhänge zu verständigen. Die Familienmitglieder stellen, ohne eine klare Vorstellung im Voraus zu haben, ihre eigene Familienstruktur dar. Ein sehr kreativer und konstruktivistischer Prozess, das faszinierte mich.

Jetzt interessiert mich aber sehr, was Sie sprachlich in ein Gespräch hineinbringen, dass es funktioniert ohne weitere methodische Hilfsmittel. Sind Sie vom Typ her eher der Verstörer oder der Systemiker, der eine zirkuläre Frage an die andere hängt?  ...

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Probe 3 aus PdS 2/ 2012

Organisationsaufstellungen
Führen aus eigener Kraft – Die Entwicklung von Führungspersonen und Managern

Reto Zbinden

Die Arbeit mit Systemaufstellungen ist für mich als Organisationsberater faszinierend und bereichernd: Sie zeigen wichtigen Dynamiken und entsprechende Lösungsstrategien auf. Aus Sicht von Klienten und Organisationen wird diese überaus positive Einschätzung nicht immer geteilt. Für Teams und Führungspersonen kann es sehr herausfordernd sein, verdeckte Themen und ihre Wirkung zu erkennen, insbesondere wenn persönliche Bezüge in Familiensystemen sichtbar werden. Trotz der enormen Lösungskraft der Methode ist das verständlich. Für das Aufgreifen von stark emotionalen, beziehungsorientierten oder sogar spirituellen Impulsen fehlt ein gesellschaftlich anerkanntes Organisationsverständnis. In der klassischen, rationalen Betriebswirtschaftslehre ist die Zielorientierung das zentrale Wesenselement von Organisationen. Strukturen und Arbeitsprozesse werden darauf abgestimmt, um eine hohe Produktivität zu erreichen. Führungskräfte wie Mitarbeitende werden primär als Funktionsträger betrachtet. Führung respektive Führungsaufgaben können entsprechend gelernt werden. Ein Bezug zur Person besteht nicht.

Wenn also Organisations-, insbesondere Führungsaufstellungen, einen starken Bezug zur Person herstellen, so kann dies zu Irritationen führen, ja als Tabubruch erlebt werden. Für die Akzeptanz und die rasche Verbreitung der Organisationsaufstellung ist dies ein großer Nachteil. Aber möglicherweise führt uns das Organisationsaufstellen als Berater – so wie die Methode unsere Klienten – zu viel tieferen Erkenntnissen und auf längere Wandlungswege.

Die Frage, wie Menschen und Führungs- und Organisationsprozesse sich gegenseitig beeinflussen, fasziniert mich seit Langem. Und nicht nur aufgrund von Aufstellungserfahrungen vermute ich, dass solche Systemverbindungen häufiger auftreten, als wir uns heute bewusst sind. In der Einzelberatung, dem persönlichsten Entwicklungsraum in Organisationen, ist eindrücklich zu erleben, wie die systemübergreifende Arbeit mit Aufstellungselementen immer wieder beeindruckende Entwicklungserfolge ermöglicht.

Die systemischen Ansätze und vielfältigen Erfahrungen haben mich in den letzten zehn Jahren zu drei wichtigen Überzeugungen geführt:

  1. Führungspersonen übernehmen nicht nur eine Funktion, sondern sind gleichzeitig auch als Menschen mit ihren einzigartigen Bezügen zu Partnerschaft, zur Herkunftsfamilie, zu ihrer Seele und spirituellen Einbindung in Organisationen präsent.
  2. Für die zukünftige Führungsentwicklung braucht es nicht nur ein erweitertes Verständnis von Führung, sondern auch entsprechende Führungs- und Organisationstheorien. Systemübergreifende Ansätze haben sich nicht mehr allein auf organisationale Dynamiken zu fokussieren, sondern auch die Verbindungen zur persönlichen Ebene von Managern und Mitarbeitenden aufzuzeigen.
  3. Diese neuen Erkenntnisse und Theorien haben weitreichende Folgen für die zukünftige Gestaltung von Organisationen. Die Ausrichtung der Organisation am Menschen und seiner Entwicklung wird stark an Bedeutung gewinnen.

Mit dem Buch ψFühren aus eigener Kraft. Die Entwicklung von Führungspersonen und Managern“ (2012) wollte ich anhand von Praxisbeispielen nicht nur sorgfältig aufzeigen, wie familiäre und spirituelle Aspekte in den Führungs- und Managementalltag hineinfliessen, sondern auch neue, theoretische Ansätze zur Führung und Führungsentwicklung entwerfen. Ich freue mich, Ihnen hier ein paar zentrale Ideen vorstellen zu können.

Ein systemisch – ganzheitliches Menschenverständnis
Wenn wir erkennen, wie häufig und mit welcher Intensität das organisationale Handeln von Personen beeinflusst wird, rückt der Mensch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Es stellt sich die Frage, auf welches sinnstiftende Bild wir uns vom Menschen und seiner Entwicklung in Organisationen abstützen. Entsprechend den systemischen Ansätzen und der Aufstellungserfahrung hat sich für mich ein systemisch-ganzheitliches Menschenverständnis in Organisationen als Orientierungsrahmen sehr bewährt. Für das Verstehen und Gestalten von Führungs- und Organisationsprozessen in Organisationen ist nicht nur das organisationale System relevant, sondern auch das gegenwärtige Familiensystem, das familiäre Herkunftssystem und das spirituelle System von Führungskräften und Mitarbeitenden.

Versuche ich das Wesen des Menschen in groben Zügen zusammenzufassen, so wird bewusst, dass sich der Mensch über mehr als nur seine organisationale Identität zu definieren hat. Das Unternehmerische, das Gestalten und Erschaffen und der Erfolg sind sehr wichtig. Es sind die Fähigkeiten des Menschen, welche in der heutigen Gesellschaft am höchsten gewichtet und somit oft einseitig und unbalanciert verfolgt werden. Für den Menschen und seine Entwicklung ist jedoch entscheidend, auch die Bedeutung der anderen Systemebenen zu erkennen und ihnen den dafür notwendigen Raum zu geben. Sinn und Zweck des Lebens wird hier anders definiert:

  • Auf der familiären Systemebene geht es um das qualitative Gestalten und Gelingen wichtiger Beziehungen sowie das Sorgen für die eigenen Kinder. Der Mensch ist ein Beziehungswesen, und dieser Dimension ist auch in Organisationen Bedeutung zu geben.
  • Im Ahnensystem steht oft das Erkennen und individuelle Herauslösen aus generationenübergreifenden, blockierenden Themen an und das Integrieren und Nutzen von verfügbarer Kraft auf dem eigenen Lebensweg. Für die Aufgabe im Organisationssystem ist das befreiend und stärkend.
  • Im spirituellen System sind die eigene Seele und ihre innere Bewegung zu erkennen und aufzugreifen. Die Seele will ihr Potenzial entfalten. Der eigene Weg macht nicht nur Sinn, sondern erfährt auch viel Fügung und Unterstützung. Sowohl Führungs- wie Beratungsarbeit wird bereichert.

Ein integratives Modell der Führungs- und Managemententwicklung
Blicken wir auf die heutigen Führungs- und Management-ausbildungen, so fällt auf, dass sich diese stark am Erwerb von Fachkompetenzen orientieren und in kleinerem oder größerem Maße noch Führungs- und Sozialkompetenz vermitteln. Führung wird primär aufgabenbezogen und instrumentell verstanden. So lernen Führungskräfte Strategien zu entwickeln, Ziele zu setzen, Entscheide zu treffen, Projekte zu leiten oder schwierige Gespräche zu führen. Diese Ausrichtung ist nicht an sich falsch, in einem systemisch-ganzheitlichen Menschen- und Führungsverständnis jedoch viel zu eng und zu begrenzt. Die Person des Führenden wie auch Geführten wird kaum gesehen.

In einem integrativen Modell der Führungs- und Managemententwicklung sind zwei systemische Erweiterungen zentral:

  • Sämtliche bewusste und unbewusste Erfahrungen in der Kindheit und Jugend prägen uns als Person, unsere Führungs- und Sozialkompetenzen und unser implizites Wissen, was ψgute Führung“ ist. Diese prägende Lebensphase ist in den Führungstheorien und der Führungsentwicklung mitzuberücksichtigen.
  • Auch in Organisations- und Führungsprozessen läuft ein wichtiger Teil der Dynamik auf einer tiefer liegenden, mehr oder weniger bewussten Ebene. Für Führungspersonen ist es wertvoll, Zugang zu dieser Ebene zu finden.

In der unten stehenden Grafik wird das integrative Modell dargestellt. Auf der horizontalen Zeitachse wird nebst dem Erleben von Führung im Herkunftssystem zwischen Führen von Teams und Führen von Abteilungen und Organisationen unterschieden, da mit dem Führen von größeren Bereichen wichtige Aufgaben dazukommen und die Komplexität steigt. Für Lesende aus der Praxis der Systemaufstellung möchte ich das Modell nicht im Einzelnen erläutern, da ich es als verständlich erachte.

Führung hat also nach wie vor mit spezifischen Führungsaufgaben zu tun, aber auch viel mit innerer Kraft und Reife und spiritueller Verbundenheit. Die Entwicklung der eigenen Person wird zur inneren Dimension der Führungsentwicklung und zu einer zentralen Aufgabe im Leben.
Für Führungskräfte ist es wertvoll, wenn sie ihre ganz individuellen Fähigkeiten weiterentwickeln und mit ihren Lebenszielen – ihrer Berufung – in Verbindung bleiben können. Freude und Inspiration energetisieren. Vielfalt in der Führung wird als wertvoll erkannt. Falls Führungskräfte in Führungssituationen auf belastende, persönliche Themen oder Blockaden stoßen, haben sie diese zu erkennen und für sich aufzuarbeiten. Dies stärkt sie als Person und die Ausübung ihrer Aufgabe. Wenn Führungskräfte ihren Weg, ihre Kraft und ihren Stil gefunden haben, wird ihnen oft eine hohe, natürliche Autorität zugeschrieben.

Organisationen erkennen die hohe Entwicklungsfähigkeit von Menschen und haben ein großes Interesse, dass Führungskräfte permanent wachsen – äußerlich wie innerlich – und immer mehr Verantwortung für ihre Führungsaufgabe, die Mitarbeitenden und die Kunden übernehmen. Führungs- und Managemententwicklung wird zu einem lebenslangen, individuellen Prozess.

Anstelle weiterer Ausführungen zum Modell möchte ich lieber die Anwendung in der Beratung vorstellen.  ...

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